Die Jesuitenmissionen der Chiquitos

1990 ernannte die UNESCO die Jesuitenmissionen der Chiquitos im Departement Santa Cruz im Osten von Bolivien zum Weltkulturerbe. Zu ihnen gehören: San Francisco Javier, Concepción, Santa Ana, San Miguel, San Rafael und San Jose de Chiquitos. Sie befinden sich östlich und nördlich von Santa Cruz de la Sierra, und liegen teilweise mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt.

Bei den Jesuitenmissionen handelt es sich um am Ende des 17. Jahrhunderts entstandene Siedlungen, die zum Zweck der Christianisierung in der Region errichtet wurden. Sie befinden sich noch heute in einem unglaublichen authentischen Zustand. Dies ist nicht nur der seit 1972 begonnenen Restaurationsarbeiten zu verdanken, sondern auch und vor allem den Einwohnern, die sich im Laufe der Missionierung so stark mit der neu entstandenen Kultur identifizierten, dass sie selber für den Erhalt der Kirchen und Kultur sorgten. Das besondere dieser Missionen ist, dass die Jesuiten während ihrer Missionsarbeit eine Vielzahl „indianischer" Elemente beibehielten; das offenbar beliebte Ballspiel, bestimmte Tänze, musikalische Elemente und auch in der Architektur fanden indianische Elemente Eingang. So entwickelten sich die vormals im Rahmen der Missionierung entstandenen Siedlungen im Laufe der Jahrhunderte zu einem einzigartigen, kulturellen Stil in dem sich der christliche Glaube mit „indianischer" Kultur vereinte. Dank dieser Vereinigung sind bis heute „indianische" sowie Teile der barocken Kultur erhalten geblieben und bilden nun eine neue ganz eigene Identität der Chiquitanos.

Geschichte: Erfolgreiche Missionierung mit Folgen

Im kolonialen Amerika galt die Missionsarbeit der Jesuiten als besonders erfolgreich. Nachdem 1603 in Asunción eine für die weitere Missionierung richtungweisende Synode statt gefunden hatte, die sich nicht nur gegen die Ausbeutung der „Indios" wandte, sondern auch in der Trennung der „Indianer" von den Spaniern den richtigen Weg sah, eine erfolgreiche Missionierung durchzuführen, waren es die Jesuiten, die innerhalb des spanischen Kolonialgebietes die Erlaubnis erhielten, ihr Reduktionssystem (Reduktion bedeutet Zusammenführen, also die als nomadisch und kriegerischen bekannten Stämme zusammenzuführen und sie sesshaft zumachen) zu realisieren. Diese Zusammenführung sollte die Kolonialisierung unterstützen, indem ein vorerst gefährliches Gebiet durch Organisation und Struktur gesichert würde (so war zumindest die Idee). Die Missionare hatten die Aufgabe, noch nicht beherrschten Stämme das Christentum und die europäische Zivilisation zu vermitteln, um damit die Eroberung mit anderen Mitteln fortzusetzen bzw. vorzubereiten. Diese Missionsexperimente waren als befristete "Schutz- und Erziehungsgebiete für Eingeborene" und nicht als dauerhafte Reservate gedacht. Einerlei, was den jeweiligen Missionaren und Ordensgemeinschaften selbst an Idealen vorgeschwebt haben mag, die zeitliche Befristung ihrer Bemühungen war von Seiten des spanischen Staates her eine ausgemachte Sache.


Die bekanntesten Missionen sind die ehemaligen Reduktionen bei den Guaraní -Völkern in Paraguay. Weiter westlich lagen im heutigen Bolivien die sogenannten Chiquitos-Reduktionen, benannt nach den Chiquitano, der wichtigsten dort angesiedelten Ethnie. Seit Ende des 17. Jahrhunderts wurden 10 Dörfer gegründet. Unter den leitenden Jesuiten befanden sich auch viele deutschsprachige Mönche wie z.B. Julian Knogler aus Gansheim. Er war von 1750 - 1767 in Santa Ana und verfasste nach seiner Rückkehr in Europa einen ethnologischen Bericht. Die Jesuiten lebten nach dem Doppelideal der Gesellschaft Jesu "ad maiorem Dei gloriam et Chiquitorum bonum". (für den höchsten Ruhm Gottes und zu Gute der Chiquitania)

Die Idee einer idealen Stadt

Die Idee der Reduktionen war unter Anderem auch von der Vorstellung europäischer Philosophen des 16. Jahrhundert von der idealen Stadt beeinflusst. Die Jesuiten glaubten, die dortigen Menschen in einer Art paradiesischem Zustand anzutreffen und mit ihnen eine ideale christliche Stadt der vollkommenen Harmonie bilden zu können. Wie, als wenn sie auf eine Kultur unschuldiger Kinder gestoßen wären, die sie nur noch im richtigen Sinne (also im christlichen)zu formen hätten. In Zuge dieses Vorhabens erreichten die Jesuiten sogar eine Änderung der Gesetze am spanischen Hof, die darauf abzielte, die Ruinierung der unterworfenen Indios zu verhindern und sie als gleichberechtigte Untertanen anzuerkennen. Letztlich waren jedoch alle Bemühungen wirkungslos, weil die Konquistadoren und Kolonialisten auf ihrer Forderung beharrten, die Indios als rechtloses Material für ihre eigene Bereicherung zu behandeln.

In den Reduktionen lebten jeweils 1000 bis 4000 Bewohner, die eine Art landwirtschaftliche Großkommune bildeten. Die Leitung lag bei zwei Jesuiten, daneben bestand eine Selbstverwaltung der Indios nach dem Muster der spanischen Gemeindeordnung. Außer der Landwirtschaft und der Verarbeitung ihrer Produkte hatte die gewerbliche Produktion eine große Bedeutung. Eine Vielfalt von Handwerken und Künsten wurde ausgeübt, wie zum Beispiel die Ziegelbrennerei, Weberei, Lederverarbeitung, Holzschnitzerei und Bildhauerei, Glasfabrikation, Glockenguss, Silberverarbeitung und so weiter. In wenigen Jahrzehnten wurden aus den Lehmhütten Steinbauten, es entstanden barocke Kirchen, die den europäischen in nichts nachstanden. Die „Indios" lernten meisterhaft mit der europäischen Musik umzugehen, ihre Chöre und Orchester haben oft auch in den Städten der Spanier gespielt und sind bis heute über die Grenzen Boliviens hinaus bekannt. Der Hauptgrund dieses Erfolgs lag in erster Linie in dem Schutz, den die Jesuiten den „Indios" bieten konnten. So dass sich die „Indios" gerne den Missionen anschlössen. So konnten sie den spanischen Kolonialisten, zum anderen auch den Portugiesen, die von Brasilien aus Streifzüge nach Westen unternahmen, entkommen. Darüber hinaus war es von großem Vorteil, dass die Jesuiten von Anfang an die Sprache der „Indios" lernten und sprachen..

Der Jesuitenorden, Untergebene des Papstes

Der Jesuitenorden, 1534 von Ignatius von Loyola, einem Spanier, als katholischer Männerorden gegründet, unterscheidet sich von anderen Orden durch das zusätzliche Gelübde des strikten Gehorsams gegenüber dem Papst. Der Orden ist straff organisiert und die Ausbildung des Nachwuchses ist sehr gründlich und langwierig (20 Jahre bis zu den endgültigen Gelübden). Die Idee des Ordensgründers war es, dass ein Jesuit in der Lage sein müsse, jede notwendige Aufgabe perfekt ausführen zu können. Dies trug dazu bei, dass sie alle Fähigkeiten, die sie für solch eine Aufgabe wie die Missionierung benötigten, besaßen. Besondere Bedeutung gewannen die Jesuiten als Vorkämpfer der Gegenreformation, in der christlichen Bildungsarbeit (besonders in der Elitebildung und Fürstenerziehung) und in verschiedenen Wissenschaften. Die Leitung der Reduktionen lag in der Hand von zwei Jesuiten, die nicht nur für die Seelsorge, sondern auch für die wirtschaftliche Entwicklung der Siedlung zuständig waren: für die Landwirtschaft, die Bauten und die Werkstätten.

Einer der beiden Jesuiten war zugleich Vertreter des spanischen Königs d.h. die Patres waren zugleich Priester und königliche Beamte. Sie waren die Organisatoren, sie entschieden über den Einsatz der Arbeitskräfte, über die Einführung neuer Technologien und über die Verwendung der erzeugten Güter. Von den Guaraní und Chiquitos wurde die Rolle der Jesuiten als eigentlichen Lenker der Wirtschaft hingenommen. Unter anderem auch, weil es in ihrer Kultur einen Mythos von einem Land des Überflusses gab, zu welchem sie eines Tages geführt werden würden. Also konnten sie mit der Idee eines Paradieses, das ihnen die Padres versprachen, etwas anfangen. Weiterhin gab es eine Gemeindeverwaltung nach spanischem Muster mit indianischem Bürgermeister und anderen Amtsträgern. Diese wurden von den Kaziken, den traditionellen Sippenhäuptern, aus ihrem Kreis gewählt, wobei die indianische Form der Großfamilie erhalten blieb.

Gefahren der Reduktionen

Doch trotz aller Begeisterung für die teilweise erhaltene Kultur der Chiquitanos sollte man sich über das Reduktionssystem keine Illusionen machen. Das "ideale" System der Jesuiten zielte nicht auf eine wirkliche Emanzipation der „Indios" ab. Vom Ansatz her stand es unter der Konzeption der "Treuhandschaft" und es kam während seiner ganzen Dauer über die klare Abgrenzung zwischen den Europäern als Vormund und den „Indios" als Mündel nicht hinaus. Ein partnerschaftlicher Austausch auf gleicher Ebene kam nicht zustande. Die Evangelisierung in indigener Sprache und das Verbot, Spanisch zu sprechen, diente auch dazu, eine Verbindung zu den „Weißen" zu verhindern. Ein weiterer negativer Aspekt des Zusammenlebens in der Reduktion war die schnelle Ausbreitung von Epidemien wie zum Beispiel Grippe und Malaria, die in den Reduktionen viele Opfer forderten, da die Einwohner sehr eng miteinander lebten.

Der Untergang der Reduktionen

Als im 18. Jahrhundert die Jesuiten aus Portugal und Spanien vertrieben wurden und 1773 sogar der Orden vom Papst aufgehoben wurde, verwendete man das Werk der Reduktionen als propagandistische Waffe gegen den Orden. Gerüchte über geheime Reichtümer der Jesuiten von Paraguay und über angebliche Rebellionsabsichten mit Hilfe von Indianerarmeen wurden in zahlreichen Druckschriften über Europa verbreitet. Diese Gerüchte bekamen immer wieder neue Nahrung aus Südamerika, wo der Orden offensichtlich viele Feinde hatte. 1767 wurden die Jesuiten schlagartig verhaftet und nach Europa abtransportiert. Die Reduktionen wurden teilweise ausgeraubt und zerstört und die Bewohner versklavt. Zum anderen Teil wurde das System der Verwaltung geändert, die Leitung erhielt ein ziviler Verwalter, der die Autorität des Staates vertrat. Neben ihm hatte sich ein Pfarrer allein um den religiösen Bereich zu kümmern. Etliche Reduktionen wurden in den ständigen Kriegen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts zwischen den neu entstandenen Staaten Paraguay, Argentinien und Brasilien um die Festlegung der Grenzen geführt wurden, zerstört. Nur die Reduktionen in Bolivien blieben erhalten.

Die Reduktionen heute

Die Jesuiten wurden nach ihrer Ausweisung durch weltliche Priester des Bistums Santa Cruz oder durch Angehörige anderer Orden ersetzt. Ziel dieser Veränderungen war es, die Reduktionen politisch, wirtschaftlich und sozial zu öffnen, sie stärker in das Kolonialsystem einzubeziehen, um das Steuereinkommen zu steigern. Des Weiteren sollte die spanische Sprache eingeführt werden. Nach der Trennung von weltlicher und geistlicher Macht in den Reduktionen gab es immer öfter Probleme, da die staatlichen Beamten an höherer Produktivität und Abgabensteigerung interessiert waren. 1806 wurde der Sonderstatus der Provinz Chiquitos als ehemaliges Missionsterritorium aufgehoben. Die 1810 einsetzende Unabhängigkeitsbewegung, die 1825 mit der Unabhängigkeit Bolivien endete, beeinflusste die Beständigkeit der Reduktionen wenig. Erst als Mitte des 19. Jahrhunderts „weiße" Siedler in größerer Zahl in das Gebiet eindrangen, um die Arbeitskraft der „Indianer" auszubeuten, hatte dies eine Auswanderung aus den alten Missionen zur Folge.

Wie in anderen Teilen Hispanoamerikas verließen nach 1825 königstreue Priester die junge Republik. Der Pfarrermangel wirkte sich auch auf die Chiquitania aus. Desto mehr die Chiquitanos von ihren geistigen Führen allein gelassen wurden, desto stärker übernahmen die Chiquitano selber den Erhalt und die Ausgestaltung der Festriten. Während die „weiße" und mestizische Oberschicht von Santa Cruz (die wahren Nutznießer der Unabhängigkeit) die Arbeits- und Abgabenbelastung der „Indios" im Hinterland andauernd vergrößerte, bekamen die religiösen Feste eine stärker sozialintegrative Funktion für den Zusammenhalt der Chiquitano.

Zur Zeit der Militärdiktatur von Mariano Melgarejo (1864-1871) wurde die verfassungsmäßige Sonderstellung der „Indios" in Bolivien aufgehoben und das indianische Gemeindeeigenrum an Grund und Boden durch ein Dekret abgeschafft. Der Kautschuk- und Gummiboom am Ende des 19 Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts war eine weitere, große Bedrohung für die Chiquitano, tausende von ihnen wurden in die Gummiwälder deportiert und die alten Siedlungen großenteils entvölkert. „Weiße", Mestizen und Zugereiste ließen sich in den Ortschaften nieder. Dies hatte zur Folge, dass in Concepción die „indianische" Kultur um die Jahrhundertwände ganz zugrunde ging. Einige Chiquitano sahen sich gezwungen, die Missionen zu verlassen und eigene Dörfer zu gründen, doch wurden sie von ihren Patrones verfolgt und zurück zur Arbeit gezwungen (diese Leibeigenschaft wurde erst 1951 juristisch abgeschafft).

Je mehr die späteren Einwanderer und seit 1930 auch europäische Missionare in den einst „indianischen" Dörfern dominierten (unter anderem auch „Entwicklungshelfer"), desto schlechter haben sich die Kirchen und historischen Bauwerke erhalten. Erst 1972 wurden Restaurierungsprogramme eingeleitet. Die Identifizierung der Chiquitanos mit dem Christlichen Glauben lässt sich anhand der folgenden, amüsanten Anekdote verdeutlichen. Peter Strack (ein Forscher auf diesem Gebiet) berichtet, dass er vor einigen Jahren den Chiquitanos Fotos von der Kreuztracht am Karfreitag im katholischen Wiedenbrück in Westfalen zeigte. Die „Indios" reagierten auf diese Bilder erstaunlicherweise nicht befremdet, sondern stellten mit Vergnügen fest, dass es offenbar auch in Deutschland „Indianer" gibt.

Die Chiquitano heute

Seit der Ausweisung der Gesellschaft Jesu 1767 entwickelte sich eine starke Volksreligiosität bei den Chiquitano. Noch immer spiegelt diese Kultur ihre europäisch-barocken Wurzeln wider, ist aber im Laufe der Zeit zu einem selbstverständlichen Element der Identität der regionalen „Indiobevölkerung" geworden. Die Verschlechterung ihrer rechtlichen Stellung und sozialen Lage ab 1866 sowie die Überfremdung ihres Siedlungsraumes scheinen eine umso leidenschaftlichere Identifizierung mit ihren religiösen Traditionen bewirkt zu haben. Im 20 Jahrhundert widersetzten sie sich auch den Modernisierungsversuchen von kirchlicher Seite bis ihnen die Rezeption des H. Vatikanischen Konzils in Bistümern Boliviens größere Freiräume öffnete.

Marie lsabel Alvestegui Müller

Quellen:

Meier, Johannes: Religiöse Entwicklungen in den Chiquitos-Reduktionen (Bolivien) seit der Ausbreitung der Jesuiten S. 117-131, in Koschorke, Klaus (Hrg.) Christen und Gewürze, Konfrontation und Interaktion kolonialer und indigener Christentumsvarianten, 1998 Göttingen

Baptista Gumucio, Mariano: Uno utopia cristiana en el Oriente boliviano, historia de las misiones jesuiticas de moxos y chiquitos, La Paz 2003

Merkl, Franz Josef: Ein Jesuit aus Bayrisch-Schwaben bei den Chiquitos in Bolivien, Außeichnugnen des Julian Knogler S. 1717-1772) aus Gansheim, Donau-Ries, 1999 Augsburg.